Sommer 2002 in Yuchungfang


Wie ihr wahrscheinlich schon mitbekommen habt, hat es uns letzten Sommer nach Yuchungfang verschlagen. Wenn ihr jetzt versucht, die Stadt Yuchungfang auf einer Karte zu finden, muss ich euch leider enttäuschen.

Denn diese Stadt erschien leider, wie im Märchen, nur für eine kurze Zeit und zwar vom 01. bis zum 10. August 2002. Die Pfadfinderschaft St. Georg hatte uns und Tausende anderer Pfadfinder eingeladen, auf Zeit Bürger ihrer Stadt zu werden.

Die Ankunft


Wir waren natürlich alle sehr gespannt, als wir nach einer anstrengenden Zugfahrt Bruchsal erreichten. Danach ein längerer Fussmarsch, dann endlich, die Stadt. Durch ein großes, kunstvolles Lagertor sahen wir Zelte über Zelte. Vor einer genaueren Erkundung des Zeltplatzes mussten allerdings erst mal unsere Jurten, Kohten, Alexe und ganz wichtig, das Küchenzelt stehen. Naja, nur keinen Stress, schließlich war es heiß und es gab so viel zu sehen. Als es dann gegen Abend gewaltig zu gewittern und zu regnen begann, erhöhten wir die Arbeitsgeschwindigkeit erheblich, wurden aber trotzdem pitschnass. Die Lagertaufe eben, positiv gesehen.

Yuchungfang - die Stadt


An den folgenden Tagen hatten wir jedoch genug Zeit, den riesigen Lagerplatz genauer anzusehen. Man hatte riesige Zirkuszelte fuer Großveranstaltungen aufgestellt, es gab eine Bank, die bereitwillig Euros in Yuchungfang-Währung umtauschte, einen Supermarkt, der es mit jedem Tante-Emma-Laden aufnehmen konnte, ein Informationszelt, ein Laden mit Pfadi-Zubehör, alles in Zelten. Ein Pfadfindermuseum, riesige Turmkonstruktionen aus Holz, Schaukeln, Klettertürme, eine Kirche aus Getränkekisten, ein Internet-Café, eine Schilderwerkstatt, das alles durchzogen von den fantasievoll benannten Lagerstrassen.

Die Lagereröffnung fand bei strahlendem Sonnenschein auf einer großen Bühne statt, es wurde gesungen und getanzt, Luftballons stiegen in den Himmel und mit dicken Wollknäulen wurde eine symbolische Verbindung zwischen den Teilnehmern hergestellt. Danach hieß es, sich ein Bild über die Möglichkeiten zu machen und sich in das Lagerleben zu stürzen. Langeweile war bei dem gewaltigen Angebot nicht drin. Verschiedene Stämme boten Bastelmöglichkeiten an, man konnte bei Lagerbauten mithelfen, diskutieren, Volleyball spielen, sich in Kostümen fotografieren lassen, bei der Partnervermittlung sein Glück versuchen, Blumen verschicken oder einfach mal faul in der Sonne fläzen, abends wurden in den Zirkuszelten Kinofilme gezeigt, zahllose Lagerfeuer brannten. Das Tauschen von Abzeichen mit anderen Wölfen und Pfadis sorgte gleich für die ersten Kontakte. Wir als einzige BdPler standen natürlich wegen unserer unterschiedlichen Kluft hoch im Kurs. Vor allem die Wölfe tauschten alles, was nicht niet- und nagelfest war. Dass sie überhaupt noch mit Kleidern am Leib zurückkamen, war ein Wunder. Auch entdeckten einige die Freuden eines Sandkastens mit beweglichem Sonnensegel. Als wir dann auch noch das nötige Sandelwerkzeug besorgten, war im Sandkasten die Hölle los.

Lagerleben


Es war ein recht gemütliches Leben, das Wetter meinte es meistens gut mit uns. Unsere Küchenfeen versorgten uns mit fantastischem Essen. Kein Wunder, dass Andrea bei den Mengen Kundin des Monats im Supermarkt wurde. Vor allem der Frühstücks-Brunch wird unvergessen bleiben. Die Tage liessen wir bei einem Lagerfeuer in der Jurte und bei Gesang ausklingen. Oft hatten wir auch Besuch von anderen Lagerteilnehmern, die dann unser etwas schlagerhaltiges Programm aushalten mussten: "Rote Lippen", "Griechischer Wein", "Es gibt kein Bier auf Hawai" etc. Dazwischen, zur Auflockerung, etwas Reinhard May oder ein Pfadi-Lied.

Winterolympiade bei 30 Grad im Schatten ?!!


In der zweiten Lagerhälfte machte sich etwas Nervosität breit. Ein paar nette, junge Damen hatten uns überzeugt, bei der Winterolympiade ihres Stammes mitzumachen (viel Überzeugungsarbeit mussten sie nicht leisten). So konstruierten wir einen Bob aus Pappe und bemalten ihn möglichst furchterregend. Martin und Sabrina studierten eine Eiskunstlaufnummer ein. Ich bin zwar eiskunstlaufmäßig ein Laie, aber ich denke, die beiden hätten Zukunft. Nur sollte Sabrina sich vielleicht angewöhnen, einen Sturzhelm zu tragen. Dann war es endlich soweit. Eine große, gewässerte Plane war ausgelegt worden, es wurden Schläger ausgegeben - Eishockey. Als die anderen Mannschaften Martin zu Gesicht bekamen, wurden die Gesichter lang. Wo soll denn da der Ball ins Tor, das ist doch schon mit dem Torwart komplett ausgefüllt? Dieses Handicap machten die anderen jedoch durch rüden Stockeinsatz wett. Der Kampf wogte hin und her, die Spannung stieg und dann, ja, dann - dann musste ich heim - wegen anderer Verpflichtungen.

Abschied


Schweren Herzens verließ ich das Feld, packte meine Sachen und begab mich zum Bahnhof. Es war schon komisch, so allein im Zug zu sitzen, wo man doch fast 10 Tage mit vielen Hundert anderen Pfadfindern Bürger der Stadt Yuchungfang war.